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Leseprobe aus: “AYANI – Die Tochter des Falken”

 

Kapitel 1

Der Hüter des geheimen Wissens

Auf den ersten Blick sahen die drei Wesen völlig harmlos aus, und niemand hätte vermutet, dass sie zu den gefährlichsten und gefürchtetsten Geschöpfen von Mysteria zählten. In ihrer Gestalt glichen sie ganz gewöhnlichen Männern. Sie mussten noch ziemlich jung sein, Mitte bis Ende Zwanzig vielleicht, waren groß gewachsen und von schlanker Statur. Die schwarzen Jacken und Hosen waren ihnen eng auf die muskulösen Leiber geschneidert. Schwarze Stiefel, halbhoch und aus weichem Leder gefertigt, dämpften ihre Schritte. Nahezu lautlos und fast schon anmutig huschten sie auf dem schmalen Fahrweg hin und her, der auf beiden Seiten von dichtem Mischwald gesäumt wurde. Mit ihren fein geschnittenen Gesichtszügen und den tadellos frisierten tiefschwarzen Haaren gaben sie beinahe ansehnliche Erscheinungen ab. Bei genauerem Hinsehen war jedoch zu erkennen, dass ihre Haut käsigblass war wie die von Albinos. Die Augen mit den schlitzförmigen roten Pupillen erinnerten an tollwütige Raubkatzen. Noch auffälliger waren ihre Lippen. Dick und wulstig und fast kreisförmig waren die, sodass ihre Münder eine entfernte Ähnlichkeit mit den Saugnäpfen eines Kraken aufwiesen - was gleichzeitig ihre wahre Natur verriet: Es waren nämlich keine Männer, sondern Nachtschwärmer.

Oder Atemschlürfer, wie sie in manchen Regionen Mysterias auch genannt wurden, weil sie sich ausschließlich vom Odem und der Lebensenergie anderer Geschöpfe ernährten. Sie hielten ihre Opfer mit ihren Krallenfingern eisern fest, senkten ihre wulstigen Lippen auf deren Mund und saugten ihnen mit dem Atem alle Lebenskraft aus dem Körper, bis nur noch dessen tote Hülle übrig blieb. Ein Entkommen aus ihrer Umklammerung war nahezu unmöglich, und so war jeder, der sich durch das harmlose Äußere der Nachtschwärmer täuschen ließ und sich ihnen arglos näherte, rettungslos verloren.

Auch an diesem sonnigen und friedlichen Morgen hätte wohl kaum jemand Verdacht geschöpft, als die drei Atemschlürfer sich im Schatten der dicht stehenden Bäume am Wegrand umtaten – ganz so, als wären sie harmlose Beerensammler oder Pilzsucher. Hoch über ihnen spannte sich der weite Himmel wie ein Schirm aus strahlend blauer Seide über die Welt hinter den Nebeln. Für die paradiesische Schönheit der urtümlichen Landschaft hatten die Nachtschwärmer jedoch ebenso wenig einen Blick wie für das Große Taglicht, das erst vor Kurzem seine immer wiederkehrende Reise begonnen hatte und jetzt das üppige Laubwerk des Waldes mit schimmerndem Glanz überzog. Es hatte fast den Anschein, als würde das helle Licht die Nachtschwärmer blenden. Sie kniffen nämlich immer wieder die Augen zusammen und vermieden jeden Blick zum Firmament, während sie mit flinken und geübten Handgriffen eine der großen Netzfallen fertig machten, die ihr räuberisches Volk seit Anbeginn der Zeiten zur Beutejagd benutzte: Aus kräftigen Seilen geknüpft und gut getarnt auf dem Grasboden ausgebreitet, wurden sie jedem zum Verhängnis, der ahnungslos in sie hineintappte und durch die leichteste Berührung eines flach gespannten Taus die Zugseile auslöste. Dann wurde das Opfer jäh von emporschnellenden Ästen in die Höhe katapultiert. Gleichzeitig zog sich das engmaschige Netz blitzartig um den Gefangenen zusammen, bis der schließlich, zu einem Bündel zusammengeschnürt, hilflos ein gutes Stück über dem Boden baumelte. Ein Entrinnen war unmöglich und so konnte der oder die Unglückliche nur noch das Auftauchen der Jäger abwarten. Sein Schicksal war damit natürlich besiegelt – es sei denn, es handelte sich um ein Mädchen oder um eine junge Frau, die „noch von keinem Mann befleckt worden war“ – wie die Nachtschwärmer selbst den Verlust der Jungfräulichkeit bezeichneten.

Die schwarzhaarigen Geschöpfe wechselten kein Wort, während sie die letzten Seile festzurrten und dann rasch welkes Laub und vermoderte Zweige über die noch sichtbaren Teile des Netzes breiteten. Dann richteten sie sich auf, um ihr Werk zu begutachten. Sie schienen zufrieden zu sein, denn ein leichtes Lächeln huschte über ihre bleichen Gesichter. Noch immer kam kein Laut über ihre Lippen. Sie hielten ihre feinen Nasen in den Wind, kosteten witternd wie Raubtiere den herbfrischen Duft der Veränderung und des Neubeginns, den der sanfte Wind zu ihnen herantrug. Schließlich nickten sie sich zu und sprangen dann, wie von einem Katapult geschleudert, aus dem Stand rund zwölf Meter in die Höhe. Oben, hoch über dem Boden, versteckten sie sich in den dicht belaubten Kronen der Knorreichen und Buntbuchen, um kaum sichtbar und regungslos auf ihre Beute zu lauern - egal, wie lange das dauern mochte.

Die Atemschlürfer hatten keine Eile. Obwohl die unheimlichen Wesen zum allerersten Mal im hellen Licht des Morgens auf Jagd gingen und nicht im schützenden Dunkel der Nacht, wie es über Jahrhunderte ihre Gewohnheit gewesen war, hatten sie nicht die geringsten Zweifel, dass sie auch an diesem Tag genauso erfolgreich sein würden wie all die unzähligen Male davor.

 

 

„Da-da-das gibt es doch nicht!“ Das Mädchen im roten T-Shirt und der blauen Latzhose kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Fassungslos starrte Jessie Andersen in die Runde. Ihr Gesicht glich dem eines kleinen Kindes, das alle Wunder der Welt auf einmal erblickt. „Das ist doch nicht möglich, oder?“

Niko Niklas zog die Augenbrauen hoch. Er hatte keine Ahnung, was Jessie meinte.

Auch Ayani, die dicht neben ihm stand und verlegen am Saum ihres braunen Leinengewandes zupfte, schien sich über die Reaktion des blonden Mädchens zu wundern. Sie legte die Stirn in Falten und sah Niko mit gespitzten Lippen an, als wollte sie fragen, was die andere denn hatte.

Doch Niko zuckte nur mit den Schultern und machte einen Schritt auf Jessie zu. Ein vertrauter Geruch stieg ihm in die Nase, frisch, ein wenig herb und ungemein verlockend – Jessie hatte wohl ein Duftwasser aufgetragen, bevor sie nach Mysteria aufgebrochen war. „Keine Panik“, sagte er mit aufmunterndem Lächeln. „Mir ist es genauso ergangen. Als ich zum ersten Mal hier in Mysteria gelandet bin, habe ich auch einen Riesenschreck bekommen.“ Er legte die rechte Hand auf Jessies Schulter, um sie zu beruhigen.

„Aber das meine ich doch gar nicht!“, erwiderte Jessie zu seiner Verwunderung.

„Nein?“ Nikos smaragdgrüne Mandelaugen weiteten sich. „Du wunderst dich nicht darüber, dass du urplötzlich in einer fremden Welt gelandet bist?“

„Ganz im Gegenteil!“ Mit der linken Hand rückte Jessie ihre rote Basecap zurecht, während sie mit der rechten eine vorwitzige Strähne ihres schulterlangen Blondhaars aus der Stirn strich. „Ich habe sogar fest damit gerechnet, dass der Umhang vom Speicher deines Opas mich hierher bringt.“

„Hä?“ Niko starrte Jessie verdattert an. „Warum das denn?“

„Ganz einfach.“ Sie verdrehte die Augen, als läge die Antwort auf der Hand. „Erstens hast du mir neulich erst erzählt, dass es dir genauso ergangen ist. Und zweitens habe ich das in dem alten Buch gelesen.“

Ich soll ihr das erzählt haben?, wunderte sich Niko. Daran konnte er sich gar nicht erinnern. Als er jedoch angestrengt nachdachte, kehrte plötzlich eine Szene in sein Gedächtnis zurück, wenn auch dunkel und etwas verschwommen. Tatsächlich, er hatte Jessie von dem seltsamen Erlebnis auf dem Dachboden seines Opas Melchior berichtet: von dem unscheinbaren Kapuzenumhang, den er dort entdeckt hatte und der ihn, kaum dass er ihn um die Schultern gelegt hatte, auf wundersame Weise in eine fremde Welt versetzt hatte – nach Mysteria. Glücklicherweise hatte das geheimnisvolle Kleidungsstück ihn auch wieder auf den Speicher zurückgebracht, sodass er dem blutrünstigen Recken, der auf seinem Streitross Jagd auf ihn gemacht hatte, um Haaresbreite entkommen war.

Oh, Mann – das war verdammt knapp gewesen!

Schon beim bloßen Gedanken an diese Begegnung beschleunigte sich Nikos Puls und sein Atem stockte. Und all das war noch gar nicht lange her - ganze fünf Tage, wie er schnell nachrechnete! Und vor vier Tagen erst war er durch das geheimnisvolle Nebeltor erneut nach Mysteria gelangt – und musste zu seinem Schrecken feststellen, dass er nicht mehr in seine Welt zurückkehren konnte.

Zumindest vorerst nicht!

Seltsamerweise kam Niko es so vor, als würde er sich bereits seit Wochen in der Welt hinter den Nebeln aufhalten. Aber was noch seltsamer war: Obwohl sich das Leben hier ganz gewaltig von seinem gewohnten Alltag unterschied, fühlte Niko sich nicht die Spur fremd. Mit jedem neuen Abenteuer, das er in den vergangenen Tagen hatte bestehen müssen, waren ihm die unbekannten Weiten Mysterias ein Stück vertrauter und ein Stück heimatlicher geworden. Auch mit Ayani, dem Alwenmädchen, das etwas abseits stand und Jessie und ihn mit undurchdringlicher Miene musterte, fühlte er sich mittlerweile so sehr verbunden, als würden sie sich bereits von Kindesbeinen an kennen. Dabei hatte er sie doch vor nicht mal einer Woche zum allerersten Mal getroffen!

Erst jetzt fiel Niko auf, dass er schon seit Tagen nicht mehr an seine Welt gedacht hatte. Nicht an seine Mutter Rieke und nicht an seinen Opa Melchior. Und auch nicht an seinen Kampfsportlehrer Nalik Noski und an die großen Schwierigkeiten, in denen der Senshei steckte. Dabei machten sich die drei doch bestimmt die allergrößten Sorgen um ihn. Mit Sicherheit zermarterten sie sich die Köpfe, wohin Niko so urplötzlich verschwunden war, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen.

Die Ärmsten!

Sie hatten nicht die kleinste Chance, eine einleuchtende Erklärung zu finden. Wie hätten sie auch auf die Idee kommen sollen, dass sich ausgerechnet in Oberrödenbach, einem gottverlassenen Kuhkaff in der tiefsten Provinz, der Zugang zu einer geheimnisvollen Welt befand, von der niemand irgendetwas ahnte? Wenn Niko ihn nicht rein zufällig entdeckt hätte, wäre er ja auch noch im Tal der Ahnungslosen!

In diesem Moment zuckte der Junge zusammen, denn eine Erinnerung, die wie von weither heranwehte, drängte sich in seine Gedanken: „Ich glaube nicht an Zufälle“, hörte er die Stimme von Herrn Schreiber in seinem Kopf. Noch im gleichen Moment hatte Niko auch das passende Bild vor Augen: wie der unscheinbare Antiquar, gekleidet in einen verschlissenen mausgrauen Kittel, ihn eindringlich anblickte und ihm auffordernd ein Buch entgegenhielt … Und da verstand Niko plötzlich, was Jessie meinte: „Sprichst du von dem Buch, das ich im Antiquariat am Falkenturm entdeckt habe?“

 

Als Siegward Schreiber wieder zu sich kam, sah er sich von dämmerigem Zwielicht umfangen. Im ersten Moment wusste der alte Mann nicht, wo er sich befand und wie lange er ohne Bewusstsein gewesen war. Der muffige Geruch von schimmeliger feuchter Luft stieg ihm in die Nase. Irgendwo in der Düsternis war das eilige Trippeln kleiner Füße zu hören, die über einen Steinboden huschten - Mäuse vermutlich oder vielleicht auch Ratten –, und da dämmerte es ihm plötzlich: Er befand sich natürlich immer noch in dem verliesartigen Raum, in dem die beiden Halunken ihn schon seit Tagen gefangen hielten. Er lag auf einem Feldbett, das an einer nackten Steinmauer stand. Als er die Fingerspitzen seiner rechten Hand über die Wand gleiten ließ, spürte er wieder die Feuchtigkeit – die Nässe eines alten, schlecht gelüfteten Kellers. Hoch über ihm war eine rechteckige Öffnung in der Mauer, sechzig auf neunzig Zentimeter vielleicht, die mit Brettern verschlossen war. Schmale Streifen schummerigen Lichts fielen durch die Ritzen. Als sich seine Augen an die Düsternis gewöhnt hatten, ließ Herr Schreiber den Blick durch den Raum schweifen, der höchstens vier mal drei Meter maß. Es hatte sich nichts geändert, seit er ihn zuletzt mit wachen Augen betrachtet hatte: Sein Gefängnis war mehr als drei Meter hoch und es stand nichts darin außer seinem Bett, einem Holzschemel und einem verbeulten Blecheimer. In einer Ecke lag ein kleiner Haufen schwarzer Steine, Koks oder Kohlen vermutlich – offensichtlich wurde er in einem alten Kohlenkeller gefangen gehalten. Auch die Rußspuren an den Wänden deuteten darauf hin. Gegenüber dem Bett war der Ausgang, der von einer Stahltür verschlossen war. Sie war von einer Rostschicht überzogen, wirkte aber dennoch stabil.

Bei ihrem Anblick musste Herr Schreiber lächeln. Die Halunken glaubten ihn in seinem Gefängnis bestimmt sicher verwahrt. Wie sollten sie auch ahnen, dass sein Wirken nicht an seinen Körper gebunden war! Dass es ihm möglich war, sich in einer anderen Welt zu bewegen, weil er um das große Mysterium wusste, von dem die meisten Menschen noch nicht einmal etwas ahnten.

Und die beiden Dummköpfe, die ihn gefangen hielten, schon gar nicht! Dabei hielten sie sich selbst für superschlau. Für regelrechte Genies wahrscheinlich – und trotzdem hatten sie nicht mitbekommen, dass er sein Verlies in den letzten Tagen mehrere Male verlassen hatte. Nicht in seiner körperlichen Gestalt natürlich, denn seit er das große Geheimnisse um Mysteria erkannt und begriffen hatte, war er an die nicht mehr gebunden. Nach seinen fantastischen Ausflügen war Siegward Schreiber stets in einen tiefen Schlaf gesunken, was die Halunken allerdings nur seiner Verletzung zugeschrieben hatten.

Diese Hohlköpfe!

Der Antiquar wollte sich aufrichten, aber ein stechender Schmerz fuhr ihm durch den Leib. Und da musste er wieder an den Tag denken, an dem der Mann und der Jugendliche in seinen Laden, das „Antiquariat am Falkenturm“, gekommen waren, kaum dass Niko Niklas ihn verlassen hatte. Ohne ein Wort der Begrüßung waren sie augenblicklich zur Sache gekommen.

Der Mann – er hieß Henk, wie der Antiquar inzwischen wusste - hatte ihn barsch aufgefordert, den „alten Schinken rauszurücken – und zwar ’n bisschen plötzlich!“

„Genau“, fügte sein Sohn Maik mit leicht debilem Grinsen hinzu. „Mach gefälligst hinne. Aber dalli dalli!“

„Und glaub bloß nich, dass wir uns von so’m alten Knacker wie dir verscheißern lassen“, hatte Henk noch ergänzt.

Herr Schreiber hatte keine Miene verzogen. Obwohl ihm bereits dämmerte, was Henk von ihm wollte, fragte er vorsichtshalber nach - und sah seine Vermutung auch prompt bestätigt.

„Die alte Schwarte, du Penner, die Walter Brauer gehört hat“, blaffte der vierschrötige Typ ihn an – und im gleichen Moment begriff Siegward Schreiber, dass die Sache vermutlich böse enden würde.

Sehr böse sogar!

Weil er in diesem Moment etwas erkannte, was weder Henk noch sein dauergrinsender Sohn wissen konnten: dass Henk nicht mehr Herr seiner Sinne war, weil ein Blender von ihm Besitz ergriffen hatte.

Ein Blender war ein zutiefst unheimliches Geschöpf, das eigentlich nur in Mysteria zu Hause war. Dass der Blender seine Heimat verlassen hatte und in die andere Welt gelangt war – durch das Nebeltor vermutlich, obwohl er durchaus auch einen anderen Übergang benutzt haben konnte -, ließ nur Schlimmes vermuten. Blender handelten in der Regel nämlich nicht aus eigenem Antrieb, sondern nur auf ausdrückliche Anweisung des einzigen Wesens, das Macht über sie besaß – die Schwarzmagierin Sâga!

Schlagartig wurde Siegward Schreiber klar, dass er den getrockneten Kräuterstrauß, den er zwischen den Regalen versteckt hatte, dringend durch einen neuen ersetzen musste. Das Eisenkraut - oder der Dämonenbann, wie es andernorts auch genannt wurde – verlor wohl langsam seine Wirkung. Sonst wäre der Blender doch niemals in sein Geschäft gelangt.

Bei dem Gedanken wurde Siegward Schreiber ganz schlecht. „Wie ... äh ... wie kommen Sie auf die Idee, dass sich das Buch in meinem Besitz befindet?“, fragte er beklommen.

„Weil seine Schwester uns gesacht hat, dass Sie die ganzen Bücher von Walter gekauft haben, als er abgenibbelt ist – deshalb!“

„Ja, ja, das stimmt“, antwortete der Antiquar rasch und war gleichzeitig erleichtert, dass Sâga offensichtlich doch nicht hinter dem alten Buch her war, wie er im ersten Schrecken vermutet hatte. Sonst hätte sie den Blender doch gleich zu ihm geschickt! Die Schwarzmagierin musste das unheimliche Wesen aus einem anderen Grund herbeordert haben, was dessen Anwesenheit allerdings nicht weniger bedrohlich machte. „Herr Brauer besaß viele Bücher – welches genau meinen Sie denn?“

„Äh?“ Die Frage schien Henk doch zu überraschen. Er glotzte ihn an wie ein stoppelhaariger Grottenolm, der sich den Kopf über die Millionen-Frage beim Fernsehquiz zerbricht.

„Der Titel, Papa“, flüsterte sein Sohn ihm zu. „Sach ihm doch den Titel.“

„Ja, klar! Oder glaubst du, ich bin blöde?“, fauchte Henk los, sodass Maik erschrocken zurückwich. „Der Döskopp, also Walter Brauer mein ich, hat ihn mir auch gesacht, da bin ich ganz sicher. Aber leider ...“ Er ballte die rechte Faust und hämmerte sie auf die Handfläche seiner Linken. „Das is sowas von blöd, aber ich erinnere mich nich mehr daran!“

„Tja, meine Herrn“, sagte Herr Schreiber erleichtert. „Tut mir leid, aber wenn das so ist, kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.“ Lächelnd verwies er auf die unzähligen Regale, die seinen Laden füllten. „Sie sehen doch selbst: Bei der Unmenge an Büchern wäre es völlig aussichtslos, aufs Geratewohl nach einem unbekannten Titel zu suchen“, sagte er leichthin und ohne zu ahnen, dass er diesen Satz schon in wenigen Minuten bitter bereuen sollte.

„Hm“, brummte Henk und verzog das Gesicht. „Na, dann – nichts für ungut!“ Er tippte mit dem Zeigefinger an die Krempe eines imaginären Hutes, nickte seinem Sohn zu, drehte sich um und ging zum Ausgang. Er war schon fast zur Tür hinaus, als er urplötzlich stehen blieb, wieder umkehrte und Herrn Schreiber über beide Backen anstrahlte. „Jetzt weiß ich’s wieder!“, sagte er. „Das Buch hieß ‚Miseria’ – oder so ähnlich!“

 

„Natürlich meine ich diese alte Schwarte aus dem achtzehnten Jahrhundert!“ Ein leicht mürrischer Ausdruck verschattete Jessies hübsches Sommersprossengesicht. „Die dir offensichtlich so wichtig war, dass du sie sogar mit in die Ferien nach Oberrödenbach geschleppt hast.“

„Ach so.“ Niko sah den altertümlichen Wälzer ganz deutlich vor seinem inneren Auge: die abgegriffenen vergilbten Seiten mit den vielen Lücken im Text und den braunen Leineneinband - und natürlich auch die germanische Rune, die auf dem Buchdeckel eingeprägt war, die Mannaz-Rune oder das Zeichen der Unsichtbaren, wie das Symbol in Mysteria genannt wurde. Erst jetzt ging Niko auf, dass die Entdeckung des Buches alles in Gang gesetzt hatte: seine seltsamen Visionen, seine geheimnisvollen Träume und natürlich auch seine wundersame Reise nach Mysteria. Was eindeutig bewies, dass das Buch über geheimnisvolle Kräfte verfügte, auch wenn er die weder verstehen noch erklären konnte.

Niko räusperte sich und blickte Jessie eindringlich an. „Habe ich dich richtig verstanden: Du hast in dem Buch gelesen, dass der Umhang dich nach Mysteria bringt?“

„Genau“, bekräftigte Jessie. „Exakt das hat Karin Seikel-“

„Karin Seikel?“, fragte Niko dazwischen. „Wer in aller Welt ist das?“

„Aber Niko! Hast du denn alles vergessen?“ Jessies Gesicht glich dem einer pingeligen Lehrerin, die es genießt, an ihren Schüler herumzumeckern. „So heißt doch die Frau, die das Buch geschrieben hat - damals, vor über zweihundert Jahren.“

„Ach so“, murmelte Niko kleinlaut, während Jessie ihre Belehrung fortsetzte.

„Frau Seikel hat dem Kapuzenumhang sogar einen Namen gegeben. Sie nennt ihn ‚Odhurs Mantel’ und sie behauptet, dass er jeden, der ihn umlegt, im Handumdrehen nach Mysteria bringt.“ Sie nickte wie zur Bekräftigung. „Was ja auch stimmt, wie wir beide am eigenen Leibe erfahren haben, nicht wahr?“

„Ja, schon, aber...“ Niko hob die Hand und kratzte sich an seinem Kinn, auf dem trotz seiner bereits vierzehn Jahre noch nicht der winzigste Haarflaum zu entdecken war. „Das würde ja bedeuten, dass der Mantel schon über zweihundert Jahre alt ist! Und dass diese Frau Seikel bereits damals über seinen geheimnisvollen Kräfte Bescheid gewusst hat. Das ist doch höchst merkwürdig, oder? Sie muss schließlich schon lange tot sein.“

„Klar – es sei denn, sie ist eine Untote!“ Jessie grinste und biss sich dann auf die Unterlippe. „Was aber noch viel merkwürdiger ist ...“ Sie brach ab und ließ den Blick erneut in die Runde schweifen. „Frau Seikel beschreibt die Gegend hier verblüffend genau.“ Jessie streckte den rechten Arm aus und machte eine Bewegung, als wolle sie die ganze Umgebung umfangen: die kleine Lichtung und das urwüchsige Wäldchen, das sich an ihrem Rand erhob. Die verwitterten und mit Moos und Kletterpflanzen überwucherten Überreste des bis auf die Grundmauern heruntergebrannten Herrenhauses, die zwischen den Baumstämmen zu erkennen waren. Und auch die gewaltige Burg, deren Türme und Mauern kaum hundert Schritte entfernt wie eine finstere Drohung hinter den Wipfeln des Wäldchens aufragten. Hoch oben auf der Spitze des mächtigen Bergfrieds flatterte eine Fahne in der frühmorgendlichen Brise. Der rote Greif, der das weiße Tuch zierte, schien seine spitzen Krallen gierig nach ihnen auszustrecken, als wolle er sie zerreißen oder zumindest einfangen.

Nikos Verwirrung wuchs ins Unermessliche. „Du musst dich irren, Jessie!“ Er schüttelte so heftig den Kopf, dass seine schwarzen Haare flogen. „Das ist völlig unmöglich. Dann müsste Karin Seikel nämlich ... äh ...“ Er brach ab und starrte wie begriffsstutziger Ochsenfrosch vor sich hin.

„Ja, was denn?“, fragte Jessie ungeduldig.

„Dann müsste Frau Seikel ja schon mal hier gewesen sein!“

 

„‚Miseria’?“, wiederholte Herr Schreiber und schüttelte dann mit gespieltem Bedauern den Kopf. „Tut mir leid, mein Herr – einen solchen Titel habe ich noch nie gehört.“

„Nein?“ Die Enttäuschung war Henk deutlich anzusehen. Er starrte ihn an wie ein Lottospieler, dessen Traum vom Millionengewinn schlagartig geplatzt war wie eine Seifenblase. „Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher“, wiederholte der Antiquar und atmete bereits erleichtert auf - bis der Dauergrinser Maik urplötzlich einen Lichtblick hatte, vermutlich den einzigen seit Monaten.

„Dann lass uns doch einfach danach suchen, Papa“, sagte er nämlich und deutete auf die Regale. „Vielleicht ist das nich so aussichtslos, wie der Typ hier behauptet?“

„Ja, warum eigentlich nich?“ Die Trauermiene seines Vaters erhellte sich wieder. „Wir kennen jetzt den Titel und ha´m Zeit. Schau´n wir uns doch einfach mal um!“ Schnurstracks steuerte er auf die Regale zu.

„Tut mir leid, meine Herren“, sagte Herr Schreiber und trat ihnen in den Weg. „Aber ich war gerade im Begriff zu schließen, als Sie auftauchten. Mittagspause – und deshalb ...“ Er lächelte Vater und Sohn freundlich an und deutete mit der rechten Hand auf die offene Tür. Noch im gleichen Moment begriff er, dass er einen Fehler gemacht hatte: Er hatte Henks Wut entfacht. Oder vielmehr die Wut des Blenders, denn noch im gleichen Moment verwandelte sich der Kopf des Mannes in den eines Ungeheuers mit blutroten Augen, einer gekrümmten Nase und Hörnern auf der Stirn. Spitze Hauer ragten aus seinem breitlippigen Mund.

Bevor der Antiquar reagieren konnte, hatte Henk ein Messer in der Hand und rammte es ihm in die Rippen. Dann war alles um ihn herum schwarz geworden ...

Ungeachtet der Schmerzen richtete Siegward Schreiber sich jetzt in seiner Zelle ächzend auf und betastete den dicken Verband, der um seinen Oberkörper geschlungen war. Der Messerstich war unterhalb des Rippenbogens in seinen Bauchraum eingedrungen und hatte offensichtlich kein lebenswichtiges Organ verletzt.

Sonst wäre er schon längst tot gewesen!

Allerdings hatte er viel Blut verloren und war ziemlich geschwächt. Als er sich auf die Füße stellen wollte, fühlte er sich so wackelig in den Knien, dass er sich sofort wieder hinsetzte.

Herr Schreiber lächelte gequält.

Diese Schwäche war hoffentlich nur vorübergehend und zudem auf seine körperliche Gestalt beschränkt. Trotzdem - die langen Jahre seines Lebens waren natürlich nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Er hatte nicht mehr viel Zeit, um die große Aufgabe zu vollenden, die ein fantastisches Schicksal ihm zugedacht hatte: Er musste dafür sorgen, dass Mysteria mit neuem Leben erfüllt wurde. Sonst wäre die Welt hinter den Nebeln zum Untergang verdammt.

Bislang war alles nach Plan verlaufen. Alle Weichen waren gestellt, alle Steine waren ins Rollen gebracht und alle nötigen Rädchen in Bewegung gesetzt worden. Das weitere Schicksal Mysterias hing nun ganz allein davon ab, dass alle betroffenen Personen die ihnen zugedachte Rolle spielten, auch wenn sie nicht das Geringste davon ahnten. Schreibers Handlungsspielraum dagegen war beschränkt. Er konnte nur noch korrigierend eingreifen, behutsam und aus dem Hintergrund. Aber dazu musste er seine Gefangenschaft natürlich überleben, was keineswegs sicher war! Henk und Maik, seine beiden Quälgeister, hatten doch allergrößte Hoffnungen auf das alte Buch gesetzt. Henk würde bestimmt in rasende Wut geraten, wenn er ihm weiterhin jede Auskunft dazu verweigerte. Was er natürlich tun würde, völlig ungeachtet der absehbaren Reaktion des unheimlichen Blenders, der von Henk Besitz ergriffen hatte und seinen Willen beherrschte.

Natürlich hatten Henk und Maik das alte Buch beim Durchsuchen seines Ladens nicht gefunden. Wie sollten sie auch? Die Hohlköpfe konnten doch nicht ahnen, dass er es längst demjenigen zugespielt hatte, für den es gedacht war – nämlich Niko Niklas! Der, ohne es zu wissen, als Einziger den geheimnisvollen Plan zu Reife bringen konnte, der in den Zeilen des Buches verborgen war. Damit kam Niko zweifelsohne die schwierigste Aufgabe zu. Wenn der Junge versagte, wäre alles vergebens.

Ayani, dem Alwenmädchen, standen ebenfalls schwere Zeiten bevor, und Siegward Schreiber konnte nur hoffen, dass sie ihre Prüfungen tapfer bestand.

Auch Nalik Noski durchschaute das große Mysterium noch immer nicht in vollem Maße – zu seinem großen Glück übrigens, denn schließlich hätte es das Verderben des Sensheis bedeutet! Allerdings war deshalb längst nicht sicher, ob Nalik am Ende auch das große Ziel erreichen würde, nach dem er schon so lange Zeit strebte.

Nikos Mutter Rieke und das Mädchen Jessie waren ebenso ahnungslos, auch wenn Rieke hin und wieder etwas zu dämmern schien. Thomas Andersen dagegen, Jessies Vater, war immer noch fest davon überzeugt, dass er das Buch, an dem er gerade arbeitete, aus eigenem Antrieb schrieb und nicht, weil er, Siegward Schreiber, ihm diese Idee klammheimlich und völlig unbemerkt eingeflüstert hatte. Thomas’ neues Buch spielte nämlich eine ebenso entscheidende Rolle in dem großen Plan wie das alte Buch von Karin Seikel – weshalb beide den gleichen Titel trugen: „Mysteria“. Kein Mensch ahnte auch nur die Zusammenhänge – außer Siegward Schreiber natürlich.

Er hatte die allerdings nicht selbst entdeckt. Sein Urururgroßvater war das gewesen, der den gleichen Namen wie er getragen und das „Antiquariat am Falkenturm“ Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gegründet hatte. Seither befand sich das Geschäft im Besitz der Familie, die das große Geheimnis bewahrt und von Generation zu Generation weitergereicht hatte. Der damalige Herr Schreiber hatte nicht nur das Buch von Karin Seikel gelesen, sondern auch herausgefunden, was mit der Autorin nach der Veröffentlichung geschehen war. Als er schließlich auf die rätselhaften Zeichen im alten Keller tief unter dem Antiquariat gestoßen war - drei alte Runen -, hatte er schlagartig begriffen, was mit dem Buch verbunden war.

Seitdem hatte jeder Besitzer des Ladens sein Geheimnis nicht nur gehütet, er hatte auch sehnsuchtsvoll darauf gehofft, dass sich das große Mysterium verwirklichen würde. Doch erst Siegward Schreiber war es vergönnt gewesen, das fantastische Ereignis mitzuerleben. In jener Nacht vor rund vierzehn Jahren nämlich, als ihm wie aus dem Nichts eine stattliche Gestalt von königlicher Würde im Keller des Antiquariats erschienen war – und damit hatte alles begonnen. Doch wie die Geschichte enden würde, lag nicht mehr in Schreibers Hand. Jedenfalls nicht ganz. Seine Zeit als Hüter des geheimen Wissens neigte sich ihrem Ende zu. Bald würde ein neuer Hüter auftauchen und seine Aufgabe übernehmen – oder Mysteria würde für immer untergehen.

Dennoch lächelte Herr Schreiber. Er vertraute fest auf die Unsichtbaren und auf die unendliche Macht, die ihnen gegeben war.

Kapitel 2

Die Welt hinter den Nebeln

 

„Aber genau das behauptet Frau Seikel doch!“, erklärte Jessie aufgeregt. „Dass sie schon mal hier gewesen ist, meine ich. Angeblich ist das Buch ein Tatsachenbericht über ihre eigene Reise nach Mysteria. Deshalb heißt es auch ‚Mysteria’ und der Untertitel lautet: ‚Aufgezeichnet nach einer wahren Begebenheit’.“

„Stimmt. Jetzt erinnere ich mich wieder.“ Niko schüttelte den Kopf. Seine feinen schwarzen Haare wehten wie ein dunkler Schleier um sein Gesicht. „Bist du sicher, dass sie das alles hier richtig beschreibt?“

„Natürlich“, antwortete Jessie unwirsch. „Ich habe das Buch doch erst vor vier Tagen gelesen. Mein Gedächtnis ist zum Glück so gut, dass ich mir jedes gelesene Wort ziemlich genau merken kann.“

„Wie schön für dich.“ Niko konnte sich die kleine Frotzelei nicht verkneifen. „Dann hast du ja keine Probleme beim Gedichte lernen.“

„Nicht die geringsten.“ Jessies Miene ließ nicht erkennen, ob Nikos Kommentar sie geärgert hatte oder nicht. „Außerdem habe ich die alte Schwarte danach noch mal durchgeblättert und die wichtigsten Abschnitte überflogen. Du kannst mir also ruhig glauben.“ Erneut zeigte sie in die Runde. „Die Lichtung hier und das Wäldchen - und natürlich auch die Burg da hinten: Alles sieht genauso aus, wie Frau Seikel es in dem alten Buch beschreibt. Als hätte sich in den über zweihundert Jahren, die seitdem vergangen sind, nicht das kleinste bisschen verändert – mit einer Ausnahme.“ Sie deutete auf das verfallene Gemäuer zwischen den Bäumen. „Frau Seikel erwähnt keine Ruine, sondern ein stolzes Herrenhaus, das einem Vertrauten des Königs gehörte.“ Als Jessie den Blick hob, fiel ihr noch etwas auf. „Auch die Fahne auf dem Bergfried hat sich geändert. Im Buch ist das Wappentier ein Falke, der ein mächtiges Schwert in den Krallen hält.“

„Echt?“ Niko wollte seinen Ohren nicht trauen. „Und ... äh ... erwähnt Frau Seikel auch den Namen der Burg? Oder den Namen des Königs, der sie bewohnte?“

„Ja, klar“, antwortete Jessie. „Die Burg heißt Helmenkroon, genau wie die Siedlung, die die Festung auf drei Seiten umgibt.“

Niko legte den Kopf schief. „Und der König?“

„... heißt Nelwyn!“, antwortete das Mädchen wie aus der Pistole geschossen. „Er war ein überaus tapferer und strahlender Held, der von seinem Volk, den Alwen, fast abgöttisch geliebt und verehrt wurde. Dieser Nelwyn besaß nämlich ein magisches Schwe-“ Urplötzlich brach Jessie ab und starrte mit großen Augen auf die Waffe in Nikos Hand, gerade so, als würde sie die jetzt erst bemerken.

Dabei war das Königsschwert gar nicht zu übersehen. Das goldene Licht ließ es in seiner ganzen Pracht erstrahlen. Der Griff und die Parierstange formten einen stilisierten Falken, der seine Flügel weit spreizte, als wolle er allen Schwachen und Wehrlosen unter seinen Schwingen Schutz bieten. Am oberen Ende der ebenso ungewöhnlich langen wie breiten Klinge war ein geheimnisvolles Zeichen eingraviert. Es glich einem großen M, dessen obere Hälfte von zwei gleichschenkligen Dreiecken gebildet wurden, deren Spitzen aneinander stießen: die Mannaz-Rune, das Zeichen der Zwei, die zu Einem werden - das Symbol der Unischtbaren.

Jessie starrte das mächtige Schwert fassungslos an. Ihr hübsches Sommersprossengesicht war blass geworden und sie war mit einem Mal bleich wie ein Vampir nach einer mehrwöchigen Blutdiät. Ihre tiefblauen Augen nahmen die Form und Größe von Untertassen an, während ihr Unterkiefer nach unten klappte und sie nach Luft schnappte wie ein gestrandeter Karpfen. „Da-das gibt’s doch nicht!“, stammelte sie. „Das ist doch Sinkkâlion, das Schwert von König Nelwyn! Jedenfalls hat Frau Seikel es in ihrem Buch so genannt.“ Kopfschüttelnd staunte Jessie Niko an. „Wie bist du da drangekommen, Niko? Sinkkâlion ist doch das Zeichen der nivländischen Könige!“ Ihr Blick wanderte von Niko zu Ayani und dann wieder zurück. „Und diese Ketten mit den Medaillons, die ihr beide um den Hals tragt … Die stammen doch aus dem Alwenhort, oder nicht?“

„Aus dem Alwenhort?“ Nikos Augen traten fast aus den Höhlen und auch Ayani starrte Jessie fassungslos an. „Steht das etwa auch in dem alten Buch?“

 

„Was?“ Das stoppelbärtige Gesicht von Rhogarr von Khelm gefror zu einer Fratze eisigen Entsetzens. Er wurde aschfahl, wie ein Mann, der weit vor der Zeit gealtert ist. „Sagt, dass das nicht wahr ist, Sâga!“, hauchte der Tyrann, bevor er, das gesunde Auge starr auf die Schwarzmagierin gerichtet, kraftlos auf seinen Thronsessel zurücksank. Für einen Moment hatte er das Gefühl, als würde die Welt über ihm zusammenstürzen. Sein Blick verschwamm und alles wurde schwarz. Der Boden schien zu schwanken, sodass er von Schwindel erfasst wurde. Unwillkürlich krallte Rhogarr die Hände in die Brust, in der sein Herz so heftig pochte, dass das Echo wie die dumpfen Schläge gewaltiger Totenglocken durch seinen Schädel hallte. Das Blut schwoll an in seinen Adern und rauschte mit der Macht eines Wildbaches durch seinen Körper. Ein bitterer Geschmack von Gift und Galle stieg aus seinem Magen empor und schnürte ihm die Kehle zu. Während er röchelnd nach Luft schnappte, geisterte ein grauenhafter Gedanke durch sein Bewusstsein: verloren! Es war alles verloren und vorbei – und all sein Streben war vergebens!

Zum Glück legte sich die Panikattacke rasch wieder. Dennoch hinterließ sie deutlich sichtbare Spuren in seinem Antlitz: Geplatzte Äderchen durchzogen das rechte Auge des Tyrannen – das linke hatte er beim Kampf um Helmenkroon eingebüßt, sodass die leere Augenhöhle seitdem von einer schwarzen Klappe verdeckt wurde -, und selbst seine eisgrauen Haare wirkten im scheuen Licht des frühen Morgens noch eine Spur grauer als sonst. Rhogarr räusperte sich, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden. Dann griff er gedankenverloren nach dem goldenen Kelch auf der breiten Lehne seines Thornsessels, um den pelzigen Geschmack in seinem Mund hinunter zu spülen. Allerdings wollte das nicht so recht gelingen. Der rote Wein von den schattigen Rebhängen der Marschmark schmeckte so sauer, dass er ihm beinahe den Rachen verätzte. Die Adern an seinen Schläfen schwollen bedrohlich an. Rhogarr wollte schon nach dem Mundschenk brüllen, als ihm gerade noch einfiel, dass den Lakai keinerlei Schuld an seinem Missvergnügen traf: Im königlichen Weinkeller von Helmenkroon herrschte nämlich betrübliche Ebbe. Sämtliche Fässer mit den köstlichen Tropfen aus dem heißen Medhiterra waren bis zur Neige geleert, und so musste sich Rhogarr mit dem saueren Gesöff aus den Weinbergen seiner weit kühleren Heimat begnügen. Was ihm nicht nur keinen Genuss bereitete, sondern vielmehr einem Anschlag auf seine Geschmacksnerven gleichkam. Glücklicherweise war die neue Lieferung aus dem sonnigen Süden bereits auf dem Weg nach Helmenkroon, wo sie noch an diesem Morgen eintreffen sollte.

Die Verheißung der himmlischen Labsal entlockte Rhogarr ein wohliges Stöhnen und ließ ihn das maßlose Entsetzen, das ihn gepackt hatte, wenigstens für die Spanne eines Herzschlags vergessen. Gleich darauf jedoch verspürte er erneut das beklemmende Gefühl in seiner Brust und den eisernen Griff an seinem Hals, der ihm die Luft abzuschnüren drohte.

Der Marschmärker zwang sich zur Ruhe. Er atmete tief durch, räusperte sich und bedachte die Schwarzmagierin, die wie ein fleischgewordenes Menetekel reglos vor seinem Thron verharrte, mit musternden Blicken. „Seid Ihr ganz sicher, dass diese Alwenbastarde Sinkkâlion aus dem Schicksalsstein gezogen haben?“, fragte er mit heiserer Stimme.

„Was für eine törichte Frage!“ Die Frau in dem Kleid aus rotschwarzer Schlangenhaut, das die Rundungen ihres wohlgeformten Körpers eng umschloss, fauchte ihn wütend an. Ihre geschlitzten Reptilienaugen glühten rot auf. „Glaubst du vielleicht, bei einer so wichtigen Angelegenheit wäre mir zum Scherzen zumute? Diese verfluchten Bälger sind uns tatsächlich zuvorgekommen. Und dafür muss es einen Grund geben.“ Sâga wandte sich ab, um mit düsterer Miene aus einem der hohen Fenster auf der Hofseite des Thronsaals zu starren. Die Flügel standen weit offen, sodass gedämpfte Geräusche hereinwehten: die emsigen Schritte der Mägde und Knechte, die den Frühdienst antraten, und das Waffengeklirr der Wachen auf den Mauern und Türmen. Die marschmärkische Flagge mit dem roten Greifen hing schlaff vom Mast auf der Spitze des Bergfriedes, als wäre ihr die Kraft ausgegangen.

„Wenn ich nur wüsste“, fuhr Sâga fort, „wie sie das Tor des Feuers finden und die lodernden Flammen durchschreiten konnten, mit denen die Unsichtbaren das Königsschwert bislang vor jedem Zugriff geschützt haben!“

Rhogarr von Khelm bleckte die verfaulten Zähne und nagte unruhig an seiner Unterlippe, während er schweigend auf dem Thronsessel verharrte und die unheimliche Frau verstohlen aus den Augenwinkeln beobachtete. In seinem Inneren aber brodelte es heftig. Zorn und Verbitterung stiegen in ihm auf und schlugen in Windeseile in Wut um. Hatte Sâga ihm nicht erst vor wenigen Stunden versichert, dass sie Herrin der Lage sei? Dass dieser vermaledeite Junge und das Mädchen, die mit ihnen um das Schwert der Alwenkönige wetteiferten, dem Tode geweiht wären? Und dass sie selbst, Rhogarr und Sâga, die magische Waffe schon bald erringen würden? Und jetzt kreuzte sie plötzlich bei ihm auf und berichtete das genaue Gegenteil! Wie hatte Sâga sich nur so gewaltig irren können? Sie verfügte doch über schier unfassbare Kräfte, mit denen es niemand in ganz Mysteria aufnehmen konnte. War ihre Macht vielleicht am Schwinden?

Nur zu gerne hätte Rhogarr eine Antwort auf diese Fragen gewusst, zumal sein Schicksal untrennbar mit dem der Schwarzmagierin verwoben war. Einzig und alleine Sâga hatte den großen Plan entworfen, dem er seit nunmehr vierzehn Sommern beinahe blindlings folgte. Ohne ihre ständigen Einflüsterungen und Ermutigungen hätte er es damals doch niemals gewagt, mit seiner Streitmacht im Nivland, dem Nachbarreich der von ihm beherrschten Marschmark, einzufallen, um König Nelwyn in einem blutigen Handstreich vom Thron zu stürzen und die Macht über sein Land an sich zu reißen. Seitdem hatte Rhogarr fest darauf vertraut, dass er mit Sâgas Unterstützung auch das Königsschwert Sinkkâlion erringen würde, um damit seinen rechtmäßigen Anspruch auf das Nivland zu besiegeln. Mit Sâgas Hilfe war es ihm sogar gelungen, sich Mordur Kra’nakk, den machtlüsternen Herrscher des Grimmen Reiches, vom Halse zu halten, wenn auch zu einem sehr hohen Preis. Dennoch hatte bis zum gestrigen Tage noch alles darauf hingedeutet, dass seine langjährigen Bestrebungen schon bald von Erfolg gekrönt sein würden - am Fest des Dunklen Mondes nämlich, das in knapp drei Wochen begangen wurde. Die Vorbereitungen zur großen Triumphfeier waren bereits im vollen Gange – und nun plötzlich, kurz vor dem Ziel, drohte alles zu scheitern. Sollte ihnen der fast schon sicher geglaubte Erfolg noch im letzten Moment aus den Fingern gleiten?

Das durfte nicht geschehen – niemals!

Sâga schien das jedoch kaum zu bekümmern. Noch immer in tiefes Schweigen gehüllt, starrte sie mit regloser Miene hinauf zum blauen Himmel über Helmenkroon, als stünde der weitere Lauf ihres Schicksals darauf geschrieben.

Schließlich verlor Rhogarr die Geduld. Er erhob sich und ging mit bedächtigen Schritten auf die Frau mit den wirr vom Kopf abstehenden Haaren zu, die ihm noch immer keinen Blick schenkte. „Wir sollten überlegen, was wir als Nächstes unternehmen“, schlug er im betont gleichmütigen Tonfall vor, um die impulsive Schwarzmagierin nicht unnötig zu reizen. Wenn Sâga nämlich in Wut geriet, war sie zu allem fähig, und dann war nicht mit ihr zu spaßen! „Das Fest des Dunklen Mondes ist nicht mehr fern. Wir müssen uns also schnellstens etwas einfallen lassen, wenn wir unser großes Ziel bis dahin noch erreichen wollen. Zumal...“ Er brach ab und bedachte Sâga mit lauernden Blicken. „Wenn ich Euch richtig verstehe, haben diese Bälger nicht nur das Königsschwert in ihren Besitz gebracht, sondern auch die beiden Ketten aus dem Alwenhort?“

„Ich bewundere deine schnelle Auffassungsgabe!“, höhnte die Schwarzmagierin, den Blick immer noch von ihm abgewandt. „Und bin höchst erfreut, dass wenigstens dein Gehör noch in Ordnung zu sein scheint.“ Dann fuhr sie ruckartig herum und starrte Rhogarr an, das bleiche Gesicht zu einer Schreckensfratze verzerrt, sodass er erschrocken einen Schritt zurückzuckte. „Eines solltest du allerdings nicht vergessen: Nicht ich habe Mordur Kra’nakk das Königsschwert für diesen Tag versprochen, sondern einzig und alleine du! Deshalb muss ich auch nicht um meinen Kopf fürchten, wenn du dein Versprechen nicht einhalten kannst.“ Sie beugte sich nach vorne, bis ihre spitze Nase nur noch eine Handbreit von seinem Gesicht entfernt war, und verzog die schmalen Lippen zu einem Grinsen. Ihr heißer Schlangenatem ätzte sich in seine Nase. „Ganz im Gegensatz zu dir, Rhogarr von Khelm, und zu Herzog Dhrago, deinem verräterischen Vasall. Ihr beide werdet das Fest der Drei nicht überleben, wenn ihr Mordur Kra’nakk das Königsschwert der Alwen an diesem Tage nicht aushändigt.“

Rhogarr schluckte. „Das weiß ich doch, Sâga! Und trotzdem ...“ Seine Stimme klang immer noch heiser. „Es kann doch unmöglich in Eurem Sinne sein, dass diese Alwenbastarde über uns triumphieren und Anspruch auf den Thron von Helmenkroon erheben?“

„Natürlich nicht!“ Die Augen der Schwarzmagierin glühten erneut vor wilder Wut. „Deshalb müssen wir auch alles unternehmen, um ihnen das Schwert so schnell wie möglich wieder abzujagen. Hör zu!“ Ihre Krallenhand schnellte nach vorne, packte den weit kräftigeren Tyrannen am Pelzkragen seines Mantels und zog ihn mühelos zu sich heran. „Trommele umgehend deine Krieger und die Vharuuls zusammen und erteile ihnen den Befehl, ihre Anstrengungen ab sofort zu verdoppeln. Sie sollen nicht eine Sekunde mehr rasten und ruhen und sämtliche Regionen des Nivlandes durchstreifen, bei Tag und bei Nacht, und selbst den letzten Winkel des Reiches nach diesen Bastarden absuchen. Verstanden?“

Rhogarr von Khelm runzelte missmutig die Stirn. „Ist das alles, was Euch dazu einfällt? Genau das versuchen wir doch schon seit unzähligen Monden. Allerdings ohne jeden Erfolg, wie Ihr wisst.“

„Natürlich! Weil du und dein Herzog eure Männer nicht im Griff habt und ihr sie nicht mit eiserner Hand dazu antreibt, das Letzte aus sich herauszuholen“, fauchte Sâga zurück. „Nur der wird den großen Erfolg erringen, der bereit ist, alles dafür zu geben, selbst sein Leben! Hast du das schon vergessen, Rhogarr von Khelm?“

Obwohl der Marschmärker sich allergrößte Mühe gab, konnte er dem bohrenden Blick der Magierin nicht lange standhalten. Er senkte den Kopf und wandte sich ab. „Natürlich nicht“, antwortete er kleinlaut und zog sich einige Schritte zurück. „Allerdings habe ich mir nicht das Geringste vorzuwerfen. Ich habe schließlich einen hohen Preis bezahlt und nicht nur mein Auge, sondern auch meine geliebte Gemahlin Eleonore verloren, vergesst das bitte auch nicht, Sâga!“

„Wie könnte ich!“ Die Schwarzmagierin erschien plötzlich wie verwandelt, als habe der Name von Rhogarrs ermordeter Ehefrau eine bislang unbekannte Saite in ihr zum Klingen gebracht. Sie trat näher an Rhogarr heran und legte ihm die knochige Hand auf die Schulter, als wolle sie ihn trösten. „Es tut mir leid, wenn ich dich gekränkt haben sollte.“ Ihre Stimme verströmte etwas Ungewohntes, Weiches. „Hör zu: Die Ereignisse der heutigen Nacht haben auch mich über die Maßen verwirrt, ja geradezu überwältigt ... Ich muss dringend meine Gedanken sammeln und erst wieder ein klaren Kopf bekommen, bevor ich über unser weiteres Vorgehen entscheide. Kannst du das verstehen, Rhogarr?“

„Natürlich, Sâga“, antwortete der Herrscher überrascht. „Selbstverständlich.“

„Schön, auch wenn ich erhebliche Zweifel daran hege“, erklärte sie. „Kennst du die drei mächtigen Findlinge, die in der Heide unweit des Flüsternden Forsts aus dem Boden ragen und meist von Nebel umhüllt sind? Die Alwen nennen sie die Nebelsteine.“

„Davon habe ich gehört“, antwortete Rhogarr. „Und auch davon, dass sie ihnen in früheren Zeiten eine ganz besondere Bedeutung beigemessen haben sollen. Warum fragt Ihr?“

„Schick einen Trupp Krieger dorthin, damit sie an den Nebelsteinen Wache halten und jeden festnehmen, der sich in ihrer Nähe blicken lässt.“

„Aber ...“, hob der Tyrann an, wurde aber sofort unterbrochen.

„Frag nicht, sondern tu einfach, was ich dir sage!“, rief die Schwarzmagierin und fuhr dann in ruhigerem Ton fort: „Als ich dieses Mädchen im Mantel des Odhur erblickt habe ...“ Sie deutete auf den unscheinbaren, aus grauem Stoff geschneiderten Kapuzenumhang, der, ausgebreitet wie die Haut einer riesigen Fledermaus, auf dem großen Tisch des Thronsaals lag. „... da ist mir plötzlich ein Verdacht gekommen, der die überraschenden Ereignisse der letzten Tage und der vergangenen Nacht erklären würde.“

„Tatsächlich?“ Mit gefurchter Stirn sah Rhogarr sie an. „Und welcher?“

„Nur Geduld“, antwortete Sâga mit herablassendem Lächeln. „Lass mich in aller Ruhe darüber nachdenken. Außerdem würdest du es ohnehin nicht verstehen können.“

Der Tyrann kniff die buschigen Brauen zusammen und wollte schon etwas erwidern, als sich draußen auf dem Flur hastige Schritte dem Eingang zum Thronsaal näherten. Augenblicklich drehte Rhogarr sich um und richtete die Augen erwartungsvoll auf das Portal.

Das musste der Mundschenk sein!

Er hatte den Kerl nämlich angewiesen, ihm sofort nach dem Eintreffen des Weines einen Krug des neuen Jahrgangs zu kredenzen. Und da der Lakai wusste, dass jedes vermeidbare Zögern seinen Tod bedeuten konnte, stürmte er jetzt offensichtlich in größter Eile heran, viel schneller noch als das schnellste Pegaross.

Rhogarr lächelte zufrieden. „Darf ich Euch auf einen Becher roten Wein einladen, Sâga?“, fragte er und wandte sich an die Besucherin.

Die aber war verschwunden, als habe der Erdboden sie verschluckt. Und der graue Mantel war es ebenfalls. Während Rhogarr noch staunend zum offenen Fenster blickte, hörte er das Knarren der Tür. Als er sich umdrehte, sah er, dass er sich getäuscht hatte: Es war nicht der Mundschenk, sondern Herzog Dhrago, der Anführer seiner Streitmacht.

Das hagere, von rotblonden Haaren umrahmte Adlergesicht war finster. Die Narbe, die sich über seine linke Wange zog, leuchtete noch ein Spur röter als sonst – das sichere Zeichen, dass Dhrago wütend war.

Oder schlechte Nachrichten hatte.

Rhogarr von Khelm schwante Böses.

 

„Jetzt reicht es mir aber!“ Sichtlich verärgert trat Ayani vor Niko hin und starrte ihn finster an. „Was soll dieses törichte Gerede? Von einem Umhang, der dieses Mädchen...“ Ohne Jessie auch nur eines Blickes zu würdigen, deutete Ayani mit dem Daumen auf sie. „... hierher gebracht haben soll? Woher kommt sie überhaupt? Und was ist das für ein merkwürdiges Ding, das soviel Wissen über unsere Welt beinhaltet? Dieses ‚Buch’, wie sie es genannt habt?“ Es war ihr anzusehen, dass sie das Wort noch nie gehört hatte und auch seine Bedeutung nicht kannte. „Jetzt sag schon, Niko! Oder hast du vielleicht Geheimnisse vor mir?“

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte er rasch. „Es ist nur ...“ Er brach ab, weil er das Ausmaß von Ayanis Verwirrung erst jetzt so richtig erfasste. Natürlich - die aufregenden Ereignisse der vergangenen Stunde mussten sie noch vor weit größere Rätsel gestellt haben als Jessie. Wie sollte Ayani auch begreifen, dass aus einer sich wie aus dem Nichts formenden Nebelwolke urplötzlich ein lebendes Wesen herauskam, ähnlich einem Kaninchen, das ein Magier aus seinem Hut zauberte? Nur dass es sich hier nicht um einen raffinierten Zaubertrick gehandelt hatte, sondern um einen Vorgang, den nicht einmal der größte Magier der Welt gemeistert hätte - und der zudem allen Naturgesetzen widersprach. Trotzdem hatte Jessie genau das vor einer guten Viertelstunde getan, unmittelbar vor Ayanis Augen. Und er selbst vor wenigen Tagen auch – nur mit Unterschied, dass damals niemand sein plötzliches Auftauchen in der fremden Welt beobachtet hatte. Kein Marschmärker und kein Alwe. Kein Vharuul und auch kein anderer der vielen Bewohner Mysterias. Und natürlich auch nicht Ayani. Sonst hätte sie ihn damals bestimmt schon genauso misstrauisch beäugt, wie sie es jetzt mit Jessie tat, und auch ihm die Frage nach seiner Herkunft gestellt.

Aber wie sollte er Ayani mit wenigen Worten erklären, was ihr Vorstellungsvermögen mit Sicherheit weit überstieg? Wie sollte das Alwenmädchen, das in den vierzehn Sommern ihres bisherigen Lebens das heimatliche Bauerndorf im Flüsternden Forst nur selten verlassen hatte und das sich deshalb noch nicht einmal in der eigenen Welt auskannte, wie sollte ein solches Mädchen begreifen, dass es noch eine andere Welt gab? Eine Welt, die sich von seiner Heimat nicht nur grundlegend unterschied, sondern in der auch andere Wesen wohnten als in dem Reich hinter den Nebeln? Wie sollte Ayani verstehen, dass man von dieser Welt aus nach Mysteria gelangen konnte – und von Mysteria zurück? Mit dem geheimnisvollen Mantel zum Beispiel, den Niko auf dem Dachboden im Hause seines Großvaters Melchior entdeckt hatte. Oder durch die von drei mächtigen Findlingen gebildete Pforte, die, von einer seltsamen Nebelwolke umwabert, in der abgeschiedenen Ödnis der Ellerheide aufragten, ganz in der Nähe des Bauernhofes seines Großvaters. Durch dieses Nebeltor war Niko nämlich beim zweiten Mal nach Mysteria gelangt, um dann feststellen zu müssen, dass er nicht mehr in seine Welt zurückkehren konnte. Was sich nach dem ersten Entsetzen dann sogar als Segen erwiesen hatte. Nur so hatte Niko das quälende Geheimnis um seine Herkunft lösen können und endlich erfahren, wer sein Vater war – nämlich niemand anderer als der Alwenkönig Nelwyn. Von dem allerdings jede Spur fehlte, seit Rhogarr von Khelm vor vierzehn Sommern widerrechtlich den Thron von Helmenkroon und das gesamte Nivland erobert hatte.

„Hast du mich nicht verstanden?“, unterbrach Ayanis vorwurfsvolle Stimme die Flut seiner Gedanken. „Oder bin ich dir keine Antwort wert?“

„Was redest du da?“, entgegnete Niko rasch und blickte das Mädchen eindringlich an. „Natürlich will ich dir alles erklären. Aber vorher lass uns zwischen die Bäume gehen, damit wir nicht gesehen werden ...“ Niko streckte seine Linke aus und deutete auf die trutzigen Mauern von Helmenkroon, die im Schein des Großen Taglichts umso realer wirkten. Die Flagge auf dem Turm hing schlaff herunter, als schäme sie sich für den gegenwärtigen Burgherrn Rhogarr von Khelm. Der grausame Herrscher der Marschmark tyrannisierte und knechtete die einheimischen Alwen aufs Grausamste. Womit er sich nicht nur an den angestammten Bewohnern des Nivlandes versündigte, sondern auch an den Unsichtbaren, die nach dem festen Glauben der Alwen über die Geschicke von Mysteria walteten.

 „Wenn die Wachen uns entdecken, müssen wir um unser Leben fürchten“, sagte Niko zu Ayani, die ihn noch immer finster wie ein Grabesschlund anblickte. „Die hetzen uns doch sofort Rhogarrs Reiter auf den Hals, und wenn die uns erwischen, sind wir verloren. Gegen eine solche Übermacht können wir nichts ausrichten, selbst nicht mit Hilfe Sinkkâlions.“ Damit senkte Niko den Kopf und bedachte das Schwert in seiner Hand mit einem fast zärtlichen Blick.

„Nun gut. Worauf warten wir dann noch?“ Ayanis smaragdgrüne Mandelaugen blitzten Jessie und ihn vorwurfsvoll an. „Macht schon und steht nicht länger hier rum wie zwei tumbe Dunkeltrolle!“ Rasch drehte sie sich um und packte die Zügel ihres Pferdes. Ihr pechschwarzes Haar, schulterlang und von einem braunledernen Stirnband zusammengehalten, schimmerte im hellen Licht, während sie ohne ein weiteres Wort auf den Saum des Wäldchens zueilte.

Jessie blickte ihr mit gerümpfter Nase hinterher. „Was hat sie denn?“ Ihre Miene verfinsterte sich. „Ist sie sauer auf mich, oder was?“

„Ach! Nimm das bitte nicht zu ernst, Jessie.“ Niko winkte ab. „Ayani meint das nicht so. Sie ist nur etwas durcheinander. Sie hat doch einen Riesenschreck bekommen, als du mit einem Mal hier aufgetaucht bist.“ Damit nahm auch er sein Pferd am Zügel und folgte dem Alwenmädchen, das bereits am Waldrand angekommen war und dort auf sie wartete.

Niko band sein Pferd am tief herabhängenden Ast einer Knarreiche fest und spähte in Richtung Burg, um sich zu vergewissern, dass sie im Schutz der Bäume vor den Blicken der Wachen auch wirklich sicher waren. Dann wandte er sich an Ayani. „Ich will versuchen, dir alles zu erklären“, sagte er sanft. „Allerdings – es wundert mich schon ein wenig, dass du noch nie von Odhurs Mantel gehört haben solltest.“

„Von Odhur habe ich sehr wohl gehört. Aber noch nie von seinem Mantel.“ Ayani sah ihn ratlos an. „Was soll das denn sein? Meinst du vielleicht das graue Tuch, das die Schwarzmagierin Sâga ihr ...“ Wieder deutete sie mit fast abfälliger Miene auf Jessie. „... entrissen hat, als sie uns in ihrer Greifengestalt attackierte?“

„Wie bitte?“, fragte Jessie verwirrt dazwischen. „Welche ... äh ... welche Schwarzmagierin denn?“

Ayani ging auf den Einwand gar nicht ein. „Willst du tatsächlich behaupten, dass dieses ... unscheinbare Tuch sie hierher gebracht hat?“, fuhr sie fort, die eng zusammengekniffenen Augen unverwandt auf Niko gerichtet. „Für mich sah das eher nach schwarzer Magie aus!“

„Wie bitte?“ Jessies Gesichtszüge entgleisten. „Nach schwarzer ... Magie? Das glaube ich jetzt einfach nicht!“

„Ganz genau“, gab Ayani barsch zurück und feuerte feindselige Blicke auf Jessie ab. „Was willst du eigentlich hier? Und wer hat dich zu uns geschickt? Sollst du uns vielleicht nachspionieren?“

„Hast du sie noch alle?“ Jessies blaue Augen versprühten pures Gift. „Tust du nur so – oder checkst du wirklich nichts?“

„Scheckst?“, fragte Ayani wütend. „Bist du dumm? Kannst du nicht mal sprechen? Was soll denn das bitte für ein Wort sein?“

Der plötzliche Streit der Mädchen traf Niko völlig unvorbereitet und so starrte er sie nur voller Staunen an: Die eine hellblond und die andere pechschwarz, nahezu gleich groß und von ähnlich schlanker, graziler Gestalt, standen die beiden kaum zwei Meter voneinander entfernt und maßen sich gegenseitig mit abschätzenden Blicken – wie zwei streitsüchtige Katzen, die sich rein zufällig außerhalb ihrer gewohnten Reviere über den Weg liefen.

Oh nö, bloß das nicht!, dachte Niko im Stillen. Für Zickenterror war jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt! Schließlich befanden sie sich immer noch in unmittelbarer Nähe ihrer schlimmsten Feinde und schwebten deshalb in größter Gefahr. Sie mussten schnellstens in den Dämonenwald zurückkehren, um sich im Lager des jungen Rebellenführers Kieran und seiner Männer in Sicherheit zu bringen. Hinter diesem Ziel musste alles andere zurückstehen: der grundlose Zwist der Mädchen und natürlich auch die bohrenden Fragen, die Ayani quälten. Obwohl Niko längst eingesehen hatte, dass er sich ihr endlich anvertrauen und sie genau wie Jessie in das große Mysterium einweihen musste, das sie alle verband, war dafür im Augenblick nicht die geringste Zeit.

In selben Moment noch verspürte Niko einen Stich im Kopf wie von einem heißen Messer und vor sein inneres Auge drängten sich Bilder, die nichts mit seiner augenblicklichen Lage zu tun hatten: Er sah einen vierspännigen Leiterwagen, beladen mit großen Weinfässern und begleitet von einem Trupp bewaffneter Reiter. Angetrieben von einem Kutscher, der wild die Peitsche schwang, stürmten die Zugpferde wie von Furien gehetzt auf ein mächtiges Stadttor zu. Schaumfetzen wehten aus ihren Mäulern und ihr Fell war nass vor Schweiß. Obwohl die Vision nur Augenblicke währte und dann ebenso schnell wieder verschwand, wie sie über ihn gekommen war, waren die Einzelheiten doch sehr deutlich zu erkennen gewesen. Das war bestimmt der Weintransport, den Kieran und seine Männer überfallen wollten. Und da bliesen die Wachen auf den Mauern auch schon Alarm.

Schrille Fanfarenstöße schallten von der Burg herüber, vermischt mit aufgeregten Rufen und dem Rasseln schwerer Ketten. Offensichtlich wurde das Fallgitter am Stadttor von Helmenkroon gerade hochgezogen.

„Seltsam“, sagte Ayani. „Die Wachen geben Alarm und öffnen gleichzeitig das Tor. Was kann das nur bedeuten?“

„Keine Ahnung.“ Jessie musterte das Alwenmädchen immer noch mit dem finsteren Blick einer grimmigen Mähnenwölfin. „Nach einer Flucht hört es sich jedenfalls nicht an. Sonst würden sie das Tor ja nicht aufmachen.“

„Was du nicht sagst!“ Der Spott in Ayanis Stimme war nicht zu überhören. „Dann werden sie wohl jemanden in die Stadt hineinlassen.“ Sie grinste Jessie breit an. „Die Frage ist nur, warum sie dann so aufgeregt sind?“

„Das braucht uns doch nicht zu interessieren.“ Niko ging rasch dazwischen, bevor der Zwist der beiden sich erneut hochschaukeln konnte. „Hauptsache, Rhogarrs Schergen sind beschäftigt. Dann können wir uns nämlich unbemerkt aus dem Staub machen.“

„Endlich mal ein vernünftiger Vorschlag!“ Ayani band ihr Pferd los und stieg rasch in den Sattel. „Warum denn nicht gleich so? Aber unterwegs erklärst mir gefälligst, was das alles soll, verstanden?“ Ohne ein weiteres Wort presste sie ihre Fersen in die Flanken ihres Rappen und sprengte davon.

„Und was ist mit mir?“ Jessie sah Niko mit großen Augen an. „Wie soll ich in den Dämonenwald kommen?“

„Jetzt stell dich nicht dümmer, als du bist.“ Niko verzog das Gesicht und schwang sich ebenfalls auf den Rücken seines Pferdes. Es war der prächtige Falbe, den Kieran und seine Männer bei einem Überfall im letzten Sommer erbeutet hatten. „Jetzt mach schon und setz dich hinter mich. Aber pass auf, dass du nicht runter fällst, und halt dich gut an mir fest!“

„Worauf du dich verlassen kannst!“ Ein spitzbübisches Grinsen erhellte Jessies sommersprossiges Gesicht. „Es wird mir ein Vergnügen sein, Niko Niklas!“ Damit sprang sie aufs Pferd und schlang ihre Arme um seinen Oberkörper.

Niko hielt für einen Moment den Atem an. Sein Rücken versteifte sich. Ihr Geruch stieg ihm in die Nase – der Geruch ihrer Haare und ihrer Haut, vermischt mit dem herbfrischen Aroma ihres Duftwassers. „Seit wann hast du dieses Parfüm?“, fragte er.

„Das ist kein Parfüm, sondern eine Verbena-Lotion“, antwortete Jessie. „Herr Noski, dein Senshei, hat sie mir geschenkt und mich gebeten, sie ständig zu benutzen. Weil der Geruch des Eisenkrauts, wie die Verbena auch genannt wird, die Geschöpfe des Bösen bannt.“

Die Geschöpfe des Bösen bannt?, wiederholte Niko im Stillen. Genau das Gleiche hatte Ayanis Mutter doch auch behauptet, als er sich über die getrockneten Kräutersträuße in ihrer Hütte gewundert hatte. Aber woher in aller Welt wusste Nalik Noski, welche geheimnisvollen Kräfte der unscheinbaren Pflanze in Mysteria zugeschrieben wurden?

„Hey!“, rief Jessie. „Warum reitest du nicht los?“ Sie schmiegte sich noch fester an ihn.

Niko spürte den Druck ihres Körpers gegen seinen Rücken, ihre Brüste, ja selbst die Schläge ihres Herzens.

„Jetzt mach schon“, flüsterte Jessie ihm ins Ohr. Der warme Hauch ihres Atems streichelte seinen Nacken. „Und nur keine Angst, ich beiße schon nicht.“

 

Kapitel 3

Tyrannenzorn

Das laute Schrillen seines Handys schreckte Thomas Andersen aus der Welt des Romans, an dem er gerade schrieb. Als er die Nummer auf dem Display erkannte, wunderte er sich: Was wollte seine Lektorin schon so früh am Morgen von ihm? Um diese Uhrzeit war Maria König doch für gewöhnlich noch nicht im Büro! Eigentlich hatte er weder Zeit noch Lust, mit ihr zu sprechen, und zögerte deshalb, den Anruf anzunehmen. Das Handy kannte jedoch kein Erbarmen und schrillte unerbittlich weiter. Außerdem wusste Thomas ganz genau, dass die Königin nicht aufgeben würde. Sie würde ihn so lange anklingeln, bis sie ihn weichgekocht hätte – und so gab er sich schließlich geschlagen. Er nahm die Finger von der Tastatur, drehte sich vom Monitor weg und klappte das Handy auf. Dabei erhob er sich vom Schreibtischstuhl, um sich während des Gesprächs die Beine ein wenig zu vertreten, die vom langen Sitzen fast eingeschlafen waren. „Hallo, Frau König“, sagte er. „Wie geht es Ihnen?“

„Wie soll es mir schon gehen, wenn ich Ihre Stimme höre?“, flötete die Königin aus dem Hörer. „Bestens, mein Lieber, immer bestens.“

Thomas verzog das Gesicht angesichts dieser süßlichen Antwort - was er in ihrer Gegenwart natürlich nie getan hätte!

„Und vielen Dank für die Manuskriptteile, die Sie mir gemailt haben. Den Anfang habe ich bereits überflogen.“

„Ah ja?“ Thomas blieb stehen. Sein Pulsschlag beschleunigte sich – nicht viel, aber immerhin deutlich bemerkbar. „Und wie finden Sie den ersten Teil?“

„Schön, sehr schön! Etwas anderes hätte ich von Ihnen auch gar nicht erwartet.“ Die Königin klang geradezu begeistert. „Und dass ich den Titel Ihres Romans – Mysteria! – ganz ausgezeichnet finde, habe ich ja bereits erwähnt, nicht wahr?“

„Stimmt. Trotzdem hört man das immer wieder gern.“

„Auch der Name Ihres Helden gefällt mir außerordentlich gut.“ Damit kippte die Stimme der Königin und ihre Euphorie ließ schlagartig nach. „Wie gesagt: Die Story ist wirklich nicht schlecht, ganz und gar nicht.“

In Thomas läuteten die Alarmglocken, während er auf das Fenster zusteuerte. „Aha“, sagte er tonlos. „Aber trotzdem sind Sie nicht ganz zufrieden, oder?“

„Nun … Wie soll ich es ausdrücken?“ Die Königin zögerte. „Also ... Die Geschichte eines vierzehnjährigen Jungen, der durch Zufall in eine fremde Welt gerät und dort nach aufregender Suche ein magisches Schwert entdeckt, mit dem er das Volk seiner Vaters von der Knechtschaft befreien will – das hat ja durchaus Potenzial.“

„Na, bitte.“

„Der erste Teil ist auch stimmig und rund, besitzt ausreichend Spannung und genügend überraschende Wendungen - und liest sich richtig gut weg.“

Thomas runzelte die Stirn. „Aber?“

„Irgend etwas fehlt“, kam es aus dem Hörer.

„Tatsächlich?“ Thomas blieb stehen und betrachtete sein Spiegelbild in der Fensterscheibe: Seine blonde Wuschelmähne brauchte dringend einen Schnitt und Kinn und Wangen ebenso dringend eine Rasur. Die Augen hinter den runden Brillengläsern waren verquollen und ließen ihn fast zehn Jahre älter aussehen – beinahe wie fünfzig! „Und was, wenn ich fragen darf?“

„Ein besonderer Kick! Ein einzigartiges Element, das Ihren Roman von der großen Masse der anderen Bücher abhebt.“ Maria König seufzte. „Ohne diesen Kick sehe ich die Kritiken förmlich vor mir: ‚Das ist ja alles ganz nett und solide erzählt’, werden die Journalisten wahrscheinlich finden, ‚aber leider ist das nichts weltbewegend Neues. Man hat das Gefühl, die Geschichte in der einen oder anderen Form schon öfters gelesen zu haben’.“

„Ich bitte Sie!“ Thomas warf einen kurzen Blick auf die Spatzen, die sich am alten Brunnen im Hof um ein paar Körner zankten. „Fast jede Story ist auf die eine oder andere Weise schon einmal erzählt worden. Oder glauben Sie vielleicht, Harry Potter wäre der erste Zauberlehrling der Literaturgeschichte?“

„Nur kein Neid, Herr Andersen!“ Thomas konnte das kleine selbstgefällige Lächeln der Königin sogar durchs Telefon sehen. „Das hat offensichtlich niemanden gestört, die Kritiker nicht und die Leser schon gar nicht!“

Thomas überging den Einwand und wandte sich vom Fenster ab. „Und was folgern Sie daraus?“, fragte er ein wenig mürrisch.

„Dass wir unbedingt einen besonderen Kniff finden müssen! Sonst wird Ihr Buch mit Sicherheit nicht der Erfolg, den wir beide uns wünschen. Können Sie mir so weit folgen?“

„Ja, klar“, sagte Thomas. „So viel Fantasie besitze ich schon.“

„Eben! Ich bin ja so froh, dass Sie mich verstehen!“ Maria König klang regelrecht erleichtert. „Ich wollte Ihnen nämlich einen Vorschlag machen: Wenn Sie nichts dagegen haben, komme ich morgen auf einen Sprung bei Ihnen vorbei, damit wir mal in aller Ruhe über alles reden können. Einverstanden?“

„Natürlich.“ Thomas zog eine Grimasse, die die Königin zum Glück nicht sehen konnte. „Wenn Ihnen der Weg zu uns in die Einöde nicht zu weit ist.“

„Aber woher denn? Ich wollte schon immer mal sehen, wie es sich da draußen auf dem Land so lebt.“

„Vergessen Sie Ihre Gummistiefel nicht“, bemerkte Thomas, ohne mit der Wimper zu zucken. „Damit Sie heil durch den Kuhmist und die Gülle kommen.“

„Wie?“ Die Königin klang irritiert. „Aber ...“

„Kleiner Scherz.“ Thomas grinste zufrieden in sich hinein. „Im Umkreis von fünf Kilometern gibt es hier nicht eine einzige Kuh. Nur noch zwei Pferde.“

„Ach so.“ Maria König klang erleichtert. „Sie sind mir aber einer, Herr Andersen!“ In ihrer Stimme klang ein erhobener Zeigefinger mit. Nicht umsonst war die Königin früher Lehrerin gewesen. „Dann also bis morgen, Herr Andersen.“

„Bis morgen“, antwortete Thomas und wollte das Handy bereits zuklappen, als ein kleiner Nachsatz Alarmstufe Eins bei ihm auslöste: „Ach, Gottchen, das hätte ich jetzt beinahe vergessen!“

Thomas blieb stehen und kniff die Augen zusammen. „Ja?“

„Der vertragliche Ablieferungstermin für Ihr Manuskript ist ja längst verstrichen und wenn wir unseren Zeitplan noch einhalten wollen – was schwer genug werden wird! -, dann müssen wir uns jetzt dringend auf ein verbindliches Abgabedatum verständigen.“

Alarmstufe Zwei!

„Ja, gut“, antwortete Thomas zögernd. „Und welchen Termin ... äh ... haben Sie sich denn vorgestellt?“

Die Antwort der Königin löste umgehend Alarmstufe Drei aus.

 

(„AYANI – Die Tochter des Falken“, Seite 7 – 46)

  

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1. Auflage 2009

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ISBN-10: 3570137244  ISBN-13: 978-3570137246

 

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